Sieben ‚falsche‘ Anglizismen?

Die HuffPost Deutschland veröffentlichte kürzlich einen Videoclip unter dem Titel „Diese 7 falschen Anglizismen verwenden Sie bestimmt auch“. Es gibt schon zahlreiche Videos dieser Art – ein Dauerbrenner!Falsche Anglizismen 1m

Der Videoclip (ursprünglich bei der HuffPost, jetzt auf der Focus-Website zu finden) präsentiert in weniger als zwei Minuten folgende Anglizismen: ‚Slip‘, ‚Handy‘, ‚Happy End‘, ‚[Foto]shooting‘, ‚Shitstorm‘, ‚Castingshow‘ und ‚Oldtimer‘.

Weshalb werden sie im Videoclip als ‚falsch‘ bezeichnet? Einige dieser Wörter, so heißt es, gebe es im Englischen gar nicht, oder sie haben eine völlig andere Bedeutung. Meist wird in diesem Falle übrigens von ‚Pseudoanglizismen‘ oder ‚Scheinanglizismen‘ gesprochen (vgl. Wikipedia/ Wiktionary). Sprachwissenschaftlich betrachtet sind diese Bezeichnungen jedoch fragwürdig, da kein Anglizismus formal und semantisch genauso verwendet wird wie in der Gebersprache (vgl. Beitrag von Susanne Flach im Sprachlog).

Sehen wir uns die sieben Anglizismen genauer an:

  • Happy End‚: im Englischen ist stattdessen ‚happy ending‘ üblich.
  • Bei den Wörtern ‚Slip‚, ‚Handy‚ und ‚Shooting‚ erkennt man zwar den englischen Ursprung, aber die Anwendungen sind jeweils verschieden: ‚to slip‘ entspricht ’schlüpfen‘, für ‚Slip‘ gibt es jedoch das englische Wort ‚briefs‘; ‚handy‘ bedeutet im Englischen ‚handlich’/’praktisch‘, wird aber nicht als Substantiv gebraucht, statt ‚Handy‘ sagt man englisch ‚mobile‘ und amerikanisch ‚cellphone‘; ‚to shoot‘ und ’schießen‘ sind gleichbedeutend, auch ‚photo shoot‘ gibt es, doch ‚Fotoshooting‘ ist eine deutsche Variante.
  • Castingshow‚ lässt sich aus dem Englischen erschließen: ‚casting‘ = ‚Rolle verteilen‘, ’show‘ = ‚Aufführung’/’Sendung‘, doch das betreffende Ereignis wird dort gewöhnlich ‚talent show‘ genannt.
  • Zu ‚Oldtimer‚ und ‚Shitstorm‚ gibt es im Englischen gleichlautende Ausdrücke, die üblicherweise etwas anderes bedeuten: als ‚oldtimer‘ bezeichnet man einen ‚alten Menschen‘, allerdings ist auch die ‚oldtimer rally‘ (mit alten Autos) anzutreffen; ’shitstorm‘ bezieht sich auf Katastrophen bzw. chaotische Zustände, wobei ’shit‘ im Englischen ausgesprochen vulgär wirkt (hierzu ausführlicher: Shitstorm – ein Modewort).

Wie sich zeigt, sind diese Anglizismen in ihren Eigenheiten äußerst vielfältig. Der Bezug zur englischen Herkunft ist ebenfalls unterschiedlich, allerdings überall erkennbar. Wenn es also im Videoclip heißt, dass es diese Wörter im Englischen entweder nicht gebe oder nur mit völlig anderer Bedeutung, so ist das etwas übertrieben. Und ‚falsch‘ sind sie keineswegs. Dennoch ist bei diesen Anglizismen Vorsicht geboten: Sie werden von englischsprachigen Hörern oder Lesern nicht ohne weiteres verstanden oder können bei ihnen schief ankommen. Also sollten sie in englischen Texten bzw. Gesprächen erklärt oder vermieden werden.

Insofern ist es auch sinnvoll, diese potentiell ‚missverständlichen‘ Anglizismen als besondere Gruppe wahrzunehmen. Doch warum sollte man sie abwertend als ‚Pseudo-‚ oder ‚Schein-‚ Anglizismen bezeichnen? Sprachlich gesehen sind es eher Wortschöpfungen, und da passt es besser, von ‚erfundenen‚ oder ‚erdachten‚ oder auch ‚nachempfundenen‚ Anglizismen zu sprechen.

Und wie sieht es mit den deutschen Entsprechungen für diese sieben Anglizismen aus? Fast alle (außer ‚Castingshow‘) haben sinnverwandte Ausdrücke im Deutschen: ‚Happy End‘ – ‚glückliches Ende‘, ‚Slip‘ – ‚Schlüpfer‘, ‚Handy‘ – ‚Mobiltelefon‘, ‚Fotoshooting‘ – ‚Fototermin‘, ‚Oldtimer‘ – ‚altes Auto‘, ‚Shitstorm‚ – ‚Entrüstungssturm‘, ‚Kritikhagel‘, ‚Protestwelle‘.  Bei den Anglizismen geht es hier also vor allem um stilistische Effekte – wie ’stilvoll‘, sei dahingestellt!

Sabine Manning

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2 Gedanken zu „Sieben ‚falsche‘ Anglizismen?

  1. Pingback: Mit Anglizismen ‘schmücken’? | AngliLupe

  2. Die Huffington Post weiß nicht nur von sieben, sondern sogar von 16 „falschen“ Anglizismen zu berichten. Neben den bereits hier im Blog genannten Begriffen sind das noch die im Alltagssprachgebrauch der Deutschen vertretenen Pseudo-Anglizismen: No-Brainer, Basecap, Beamer, Body Bag, Hometrainer, Public Viewing, Shootingstar, Streetworker und Zapping.

    http://www.huffingtonpost.de/2014/06/23/16-falsche-anglizismen_n_5520866.html

    Auch für die häufig gebrauchten Begriffe ‚Metro‘ (für U-Bahn), ‚Showmaster‘ und ‚Rush Hour‘ verwenden Engländer zur Bezeichnung des betreffenden Sachverhaltes oft andere Wörter. Außerdem: Nicht jeder, der keinen ‚Spleen‘ hat, dem fehlt die Milz. Ein ‚VIP‘ ist eben kein ‚whip‘! Und jemand, der ‚roundabout‘ 10.000 Euro investieren möchte, will sein Erspartes nicht unbedingt in ein Karussell stecken.

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