Du bist ein ‚Loser‘?

Wer erinnert sich noch an den Beatles-Song „I’m a loser„? Da beklagt ein ‚Verlierer‘ seine enttäuschte Liebe. Heute hat ein ‚Loser‘ viel mehr zu beklagen – quer durch alle Lebenslagen. 

Winner-Loser

Dem ‚Loser‘ steht meist ein ‚Winner‘ (‚Gewinner‘) gegenüber. So war es im Beatles-Song (Video*): „She was a girl in a million, my friend/ I should have known she would win in the end“, und ebenfalls in einem Abba-Song: „The winner takes it all/ The loser has to fall“.

Auch ein aktuelles Foto vom Helmholtzplatz in Berlin Prenzlauer Berg zeigt ‚Winner‘ und ‚Loser‘ als ein ‚Paar‘. Dabei geht es heute um weit mehr als die Liebe, z.B. im Theaterstück „Winner & Loser“ (2015):

Winner & Loser Theater

Loser-Winner YouTube2

Kontrastreicher klingt das in einem Videoclip von Timo König (>Bild): „Du Loser willst mit mir Winner kommunizieren?“  Ein anderes Problem spricht der deutsche Dokumentarfilm „Losers and Winners“ (2006) an: Hier wird eine hypermoderne Kokerei des Ruhrgebiets stillgelegt und in Einzelteilen nach China verschifft. Die letzten Dortmunder Koker müssen den Chinesen dabei helfen, ihren eigenen Arbeitsplatz zu beseitigen: Abbruch West – Aufbau Fernost. In einer TV-Show (2015) schließlich treten Kandidaten mit ihren Geschäftsideen auf (PULS 4 Start-Up-Show): „Startup-Winner und Business-Loser – Wer macht das Rennen um die Millionen?“

Wer jeweils ‚Winner‘ oder ‚Loser‘ ist, mag von Lebensumständen, vom Wettbewerb, von Regeln oder auch vom Zufall abhängen, d.h. es ist ein geteiltes Schicksal, von ‚außen‘ bestimmt und nicht (allein) individuell verursacht.

Offensichtlich ist auch, dass ‚Winner & Loser‘ zwar das Gleiche bedeutet wie ‚Gewinner & Verlierer‘, aber einen stilistischen Reiz hat. Das englische Wortpaar scheint vor allem in deutscher Poesie und Prosa aufzutauchen und findet sich auch als markanter Titel („Winner und Loser“ Freitag 15/ 2015). Doch die deutsche Entsprechung ‚Gewinner & Verlierer‘ ist im gewöhnlichen Sprachgebrauch klar etabliert.

Eine flexible Frau

Vielschichtiger als das Wortpaar ist hingegen der einzelne Begriff ‚Loser‘. In dem Film „Eine flexible Frau“ (>Bild) wirft Lukas seiner Mutter vor: „Du bist ein Loser!“ Sie ist alleinstehend, hat ihren Arbeitsplatz als Architektin verloren, pendelt zwischen Job-Center und Call-Center, ist weder fähig noch gewillt, sich den Zwängen der Leistungsgesellschaft zu unterwerfen. Aus dieser Perspektive erscheint sie nicht nur als ‚Verliererin‘, sondern als ‚Versagerin‘.

Du bist ein Loser

Den gleichen Ausspruch „Du bist ein Loser“ finden wir auch in dem Aufruf einer Selbsthilfegruppe für Unternehmer (>Kasten). Sie wollen dem ‚Verlierer‘ im Ringen um Existenz und Kunden, der von der Familie schon als ‚Versager‘ abgestempelt ist, gemeinsam aufhelfen.

Auch im englischen und amerikanischen Sprachgebrauch gilt ein ‚Loser‘ als ‚Verlierer und Versager‘. Der Begriff vermittelt also eine komplexe Bedeutung und hat zugleich eine emotionale Wirkung. Beides erklärt, weshalb der ‚Loser‘ im Deutschen, besonders in der Jugendsprache, als ausdrucksstark empfunden wird.

Sabine Manning

*) Hinweis auf Video zu Beatles „I’m a loser“ via YouTube von Peter Littger (Twitter 9.5.15) – vielen Dank!

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2 Gedanken zu „Du bist ein ‚Loser‘?

  1. Vielen Dank fuer den Beitrag… Bin gerade auf einen Spiegel Online Artikel gestossen, der ebenfalls Loser zum Thema macht. In dem Artikel geht es um ‚Leistungsverweigerer‘ an der Uni, die entweder nicht motiviert oder nicht in der Lage sind, dem Uni-Geschehen zu folgen und tendenziell ausscheiden, ohne einen Abschluss zu machen… Der nicht ganz ernst gemeinte Artikel fragt aber auch (indirekt): Wer sind die Winner hier? Diejenigen, die treu und hoerig zu oft langweiligen Vorlesungen gehen und einen Abschluss machen, weil das die Gesellschaft so verlangt, selbst wenn Karriere-Aussichten danach nicht unbedingt auf der Hand liegen? Wie bezeichnet man in dieser Logik Leute wie Steve Jobs, die die Uni schmissen und sehr erfolgreich Karriere machten? In manchen Faechern, zumindest als ich noch studierte, galt sogar: wer bis zum Abschluss bleibt, hat schon verloren… Nur wer vorher einen Job kriegt, hat’s verstanden. Die Rede war vom Fach Publizistik, dessen Abschluss weit weniger wert war als die Aussicht, durch fruehe Praktika den Absprung in die Medienwelt zu schaffen… Es kommt also sehr darauf an. Context matters. Die Winners von heute koennen die Losers von morgen sein… (Hier der Link zum Artikel: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/leistungsverweigerer-fehlstart-ins-erste-semester-a-1034227.html.)

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  2. Ja, ich bin ein Loser, weil ich die falsche Weichware in meinem Rechner habe, weil ich nicht schnell genug auf Linie bin, keine Elektronik-Post mehr bekomme, weil mich die Leute bei der Heißlinie im Stich lassen, weil ich den Zerstücklern hilflos ausgeliefert bin und weil mich ja auch die Feuermauer in meinem Rechner nicht mehr schützt.

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