Businessfloskeln – harmlos oder hinterhältig?

Wie es aussieht, müssen wir da heute Abend noch einiges afterworken“ meint der Chef, und was für uns vielleicht lächerlich klingt, mag auf die Mitarbeiter im Büro ganz anders wirken. Dies ist nur ein Beispiel aus der Sammlung von Bürofloskeln, die Hermann Ehmann in seinem Wörterbuch*) erkundet und entschleiert.

Ehmann Zitat

In diesem Businesstalk – aus einer Mischung von Floskeln deutscher, englischer, lateinischer oder französischer Herkunft –  gibt es viele nichtssagende Worthülsen, aber auch antrainierte Ausdrücke, mit denen unangenehme Sachverhalte verschlüsselt bzw. beschönigt werden. Für letztere ist ‚afterworken‚ ein interessantes Beispiel, das mehrere Fragen aufwirft.

Warum geht uns diese Floskel schon sprachlich gegen den Strich? Dass das englische (to) work in das deutsche worken verwandelt wird, ist nur ein Aspekt. Immerhin haben wir uns an entlehnte Wörter wie liften oder starten gewöhnt. Wirklich schräg ist erst die Verbindung mit after, denn das entsprechende Verb gibt es im Englischen nicht (höchstens einen Begriff wie After-Work-Party). Hier waren also deutsche Wortschöpfer am Werk, was an sich nicht verwerflich ist, nur haben die wohl nicht bedacht, dass after im Englischen keine Vorsilbe ist und deshalb afterworken völlig unenglisch klingt.

Und welchen Sinn hat diese Floskel überhaupt? Gemeint ist nacharbeiten, aber das erinnert fatal an nachsitzen. Man könnte sich zwar vorstellen, dass Kollegen untereinander über solche Alltagsmühsal locker hinwegfloskeln. Doch der Chef will mit dieser Floskel verhüllen, dass Überstunden zu leisten sind. „Wir müssen da heute Abend noch einiges afterworken“ heißt nichts anderes als „Vor Mitternacht kommt hier heute keiner aus dem Büro raus„. Da wird eine laxe Floskel zum Stressfaktor.

Aus dieser Perspektive können harmlos klingende Bürofloskeln zugleich bedrohlich wirken. Dazu gehören etliche, die direkt aus dem Englischen kommen, wie Deadline (letzter Termin), Feedback (Rückmeldung) und Outsourcing (Auslagerung u.a. von Arbeitsplätzen), oder die aus englischen Wörtern abgeleitet wurden, wie performen (auftreten, leisten), supporten (unterstützen) und toppen (übertreffen, übertrumpfen).

Ehmann Bürofloskeln

Aber sind die ursprünglichen englischen Ausdrücke (z.B. outsourcing oder to perform) nicht schon von vornherein vieldeutig? Haben sie nicht auch in einem englischsprachigen Büroalltag verschiedene Untertöne je nach Situation? Sicherlich, doch es gibt einen feinen Unterschied: Im deutschen Umfeld sind die englischen Floskeln ein Extra, anstelle eines zumeist vorhandenen deutschen Ausdrucks, und nicht selten nehmen sie eine spezielle Bedeutung an. Dieses Extra wirkt oft aufgesetzt, eitel oder wichtigtuerisch, aber zugleich kann es beabsichtigte Effekte verstärken bzw. tarnen.

Ehmanns Wörterbuch regt dazu an, Bürofloskeln – einschließlich der ‚denglischen‘ – nicht einfach als lächerlich oder ärgerlich abzutun, sondern auseinanderzunehmen und auf ihren Verschleierungsfaktor zu untersuchen. Auf jeden Fall eine unterhaltsame Lektüre! Und vielleicht ertappen wir uns danach auch selbst beim Floskeln!?

 

*) vgl. Hermann Ehmann: Ich bin da ganz bei Ihnen! Das Wörterbuch der unverzichtbaren Bürofloskeln. C H Beck 2014; Matthias Heine: Wenn Ihr Chef so redet, drohen Stress und Kündigung. Die Welt v. 11.6.15

Sabine Manning

PS:
Als Zugabe empfehlen wir „Sprechen Sie Bullshit?“ – ein satirischer Exkurs zu Beratersprech von Alexander Eriksröd 16.07.2015 (DiePresse.com)

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2 Gedanken zu „Businessfloskeln – harmlos oder hinterhältig?

  1. Pingback: Sprachkritisch unterwegs – Foruminfo 04/2015 | Forum Sprachkritik und Politik

  2. Weil wir einmal dabei sind: Sprechen oder verstehen Sie “Bullshit”?

    Alle kennen sicherlich Managerphrasen, die nur so von Anglizismen wimmeln. Am 25.11.2014 schrieb dazu Alexander Demling auf Spiegel.de: “Wenn du nicht weißt, was du sagen sollst, sag es auf Englisch. In vielen Büros ist Marketing-Blabla voller sinnloser Anglizismen erste Amtssprache.” Es kommt noch viel besser: Herr Demling fordert die Leser auf: “Trainieren Sie Ihre Hohlsprech-Skills – mit dem Bullshit-O-Maten.” “Bullshit-o-Mat”, welche köstliche Wortschöpfung! Den Managerphrasengenerator kann man sogar ausprobieren.

    http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/bullshit-phrasen-im-buero-manager-sprech-ueben-mit-bullshit-o-mat-a-1004202.html

    Aber wieso nur “Manager-Hohlsprech”? Ein Leser kommentierte dazu treffend: “Warum so einseitig? Viele unserer Politiker schaffen Hohlsprache sogar ohne Anglizismen, und das seit Jahrzehnten.” Welche konkrete Person er wohl dabei im Auge hatte?

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