Was E-Health verspricht

Gerade hat der Bundestag das sogenannte E-Health-Gesetz beschlossen. Mit ‚elektronischer Gesundheit‘ lässt sich das nur unzureichend übersetzen. Also was soll man sich unter ‚E-Health‘ vorstellen? Ist das nur ein Modewort, oder steckt mehr dahinter?

Schon lange steht ein Umdenken in der Gesundheitsfürsorge an (1): weg von den medizinisch trockenen Geboten (du sollst nicht rauchen, du sollst dich richtig ernähren) und hin zu frohgemuter Fitness im Sinne einer Lifestyle-Medizin. Von diesem neuen Geist ist allerdings im zugrundeliegenden Titel „Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen“ nichts zu spüren. Soll also der Kunstbegriff E-Health*), kombiniert mit E-Card**) für die elektronische Gesundheitskarte, das Thema ein bisschen aufpeppen?

SelftrackingTechnisch betrachtet geht es bei E-Health um die Vernetzung mannigfaltiger Gesundheitsdaten – ein wertvoller Schatz für ein datengesteuertes Gesundheitsmanagement und für einen Milliardenmarkt. Was sich hier bereits tummelt, ist gespickt mit englischen Bezeichnungen. Da sind vor allem die sogenannten Wearables (2) – tragbare Messgeräte, die Jawbone oder Fitbit, Smartwatch  oder Apple Watch heißen. Die kleinen Armbänder, auch Fitness-Tracker (>Bild) genannt, zeichnen das Bewegungs- oder Ernährungsverhalten auf. Selftracking nennt sich diese – umstrittene – Selbstvermessung im Fachjargon.

Um aber die hippen Wearables in Gang zu setzen, braucht man digitale Gesundheitsprogramme, genannt Health-Apps. Und damit sind wir beim Schlüsselwort Health, das uns in zahlreichen globalen Initiativen begegnet: Das Projekt Google Health sollte schon 2008 den Gesundheitsmarkt erschließen, scheiterte aber an Datenmangel. Genau an diesem Punkt setzt Apple mit seinem Gerät iHealth an, das individuelle Gesundheitsdaten aus verschiedenen Messungen bündelt und eine Art digitale Patientenakte anlegt. Zugleich basteln Firmen wie IBM an sogenannten Health Clouds – virtuellen Megaspeichern medizinischer Daten. Gar nicht auszudenken, was all diese Health-Daten im Netz ermöglichen – in wessen Interesse auch immer.

E-CardDas neue E-Health-Gesetz öffnet also bereits mit seinem Kurztitel die Pforten zu dieser neuen Welt. Doch fatalerweise ist es mit seinem Kernstück, der E-Card (>Bild), gleich beim Start über technische Pannen gestolpert (3). Da die Internet-bezogenen Dienste noch nicht funktionieren, bleibt die elektronische Gesundheitskarte vorerst offline, also eine schlichte Card ohne E!

 

*) Das ursprüngliche englische Wort e-health (Verbindung von Elektronik und Medizin) ist zwar in Fachtexten zu finden, sonst aber kaum verbreitet.
**) Im Englischen bezeichnet e-card eine digitale Grußkarte, passend zu den Wörtern e-pal oder e-friend (Freund per Internet), hat also nichts mit Gesundheitskarte zu tun.

Sabine Manning

(1) vgl. Christian Schlüter: „Die neue Daten-Philanthropie“ in Berliner Zeitung v. 24.4.2015
(2) vgl. Ulrike Baureithel „Total gesund“ in Freitag v. 12.3.2015
(3) vgl. Timot Szent-Ivanyi: „Elektronische Gesundheitskarte bleibt offline“ in  Berliner Zeitung v. 3.12.2015

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2 Gedanken zu „Was E-Health verspricht

  1. Mit dem E-Health ist es wie mit anderen E-Wörtern: E-Commerce, E-Learning, E-Mail u.a.m. Mit der Verbreitung und der Allgegenwart des Internets spielen sich natürlich auch die soziale Kommunikation und der Austausch von Informationen zunehmend webbasiert ab. Viele berufliche und betriebliche Abläufe sowie private Alltagsverrichtungen sind heute ohne das Internet kaum noch denkbar: Geldüberweisungen, Urlaubsbuchung, Hotelreservierung, Informationssuche, Plauderei mit Freunden (neudeutsch: chatten, twittern, facebooken, whatsappen…), Reservierung von Veranstaltungstickets, Fahrkartenkauf, sonstige Onlineeinkäufe via eBay, Amazon, Zalando etc., Pizzabestellung usw. Warum sollten da die Gesundheits-Chipkarte, Gesundheitspolitik, Gesundheitsdaten oder der gesamte Gesundheitsbereich eine Ausnahme machen? Durch elektronische Datenspeicherung und Informationsbeschaffung bzw. -weitergabe lassen sich viele Verwaltungsvorgänge standardisieren und effektivieren, auch wenn dadurch der notwendigen Sicherung sensibler persönlicher Daten eine immer größere Bedeutung zukommt. Personen, die im Internet unterwegs sind, haben im Umgang und mit der Akzeptanz der neuen internetaffinen Begrifflichkeiten keine großen Probleme. Gesundheits- oder Health-Apps bestimmen momentan den aktuellen Trend. Sie entsprechen sowohl den Bequemlichkeitsansprüchen als auch dem neuen Gesundheits-, Ernährungs- und Wellnessbewusstsein vieler Verbraucher. Durch häufigen Gebrauch werden sich mit den neuen Technologien des Medien- und Internetzeitalters auch die damit einhergehenden neuen Begriffe durchsetzen und alte Begriffe, die kaum noch gebräuchlich und bekannt sind, werden aus unsererem Sprachalltag verschwinden. Wer das bedauert, müsste sich gegen neue Kommunikationstrends und die Verbreitung neuer Informationstechnologien zur Wehr setzen. Im Kampf gegen Windmühlenflügel ist bereits Don Quixote 1605 grandios gescheitert.

    Auch wenn es heute mangels allgemeinverbindlicher Definitionen noch viele Unklarheiten und unterschiedliche Auffassungen bezüglich der Bedeutung der neuen E-Begriffe (oder analog: i-Begriffe) gibt, werden sich mit deren Verbreitung auch die neuen Begriffsinhalte durchsetzen und an Trennschärfe gewinnen.

    Übrigens gab es bereits Jahrzehnte vor der „Entdeckung“ des Internets in der DDR einen bekannten E-Begriff, nämlich den der E-Musik. Somit kann man rückblickend die E(lektronische) DDR-Musik als wegweisend und Trendsetter für das Internetzeitalter bezeichnen.

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  2. Pingback: Sprachkritisch unterwegs – Foruminfo 07/2015 | Forum Sprachkritik und Politik

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