Ein ‚Mocktail‘ mit Modewörtern

MocktailWenn Sie nach dem Jahreswechsel noch immer nicht wissen, was ein Mocktail*) ist, dann lesen Sie A Butler´s Guide to Entertaining, verfasst von einem echten Butler, Nicholas Clayton. Es handelt sich um ein Getränk „…for those that like the idea of a cocktail but don´t want the alcohol.“

Das Echte wird verändert, aus den verschiedensten Gründen. So ist es auch bei den hier folgenden schnelllebigen Neuschöpfungen, die meist kommerziellen Motiven folgen. Happy Clickmas (TIME 25.12.2000) zum Beispiel animiert zum weihnachtlichen Online-Einkauf, und die gleiche Ausgabe der Zeitschrift preist Babypuppen, robotic babies, als robobrats an. Die können gähnen, saugen und aufstossen. Verkaufsschlager sind auch immer die cosmeceuticals (cosmetics + pharmaceutical) oder die nutraceuticals, Lebensmittel mit angeblich gesundheitsfördernden Substanzen (ibid.18.10.1999).

Wenn Ihnen ein solcher Mocktail nicht zusagt, greifen Sie doch zu einem Cofftail, aber essen Sie unbedingt dazu ein Scuffin (scone + muffin) oder eine Croissant-Variante wie ein Crookie (…+ cookie), ein Cronut (…+ donut) oder ein Cragel (…+ bagel). Den Townie (tarte + brownie; ursprüngliche Bedeutung Städter) sollten Sie lieber meiden, wenn Sie nicht als Kannibale gelten wollen.

Gypsetter2 (Ausschnitt)Die hier zitierte Frauenzeitschrift MYSELF ist eine reiche Quelle für diese ‚Mischwörter‘ (blend words/ blends). In der Ausgabe März 2015 wird aus „Ein Glossar des modernen Weltenbummlers“ zitiert. Reisekomfort kann luxuriös sein. Der Glamper (glamour + camper) übernachtet in Zelten mit Bett und Badewanne. Der Flashpacker (flashy + backpacker) hat auch Geld aber weniger Zeit, der Gypsetter**) (gypsy + jetsetter) ist der kaufkräftige Edel-Hippie, der Abgeschiedenheit und Authentizität liebt. Schließlich gibt es auch noch den kosmopolitischen Aktivreisenden, den Yomad (young + nomad), dessen Reisen auch Sie unter yomads.com buchen können, wenn Sie ungefähr so zwischen 20 und 39 Jahre alt sind. Vergessen Sie aber nicht Ihre Huglies (Internet 28.07.15). Das sind hässliche Wandersandalen (hike + ugly). Als modebewusste Frau will man gediegener auf Reisen gehen und daher ist Normcore angesagt (hardcore + normal). MYSELF gibt dazu die folgende Erklärung: „Anfangs bezeichnete man damit den Kleidungsstil von Männern wie Mark Zuckerberg, die Trends und Mode komplett ignorieren.“ Bei den Damen passen High Heels zu soliden weißen Hemden oder grauen Sweatshirts. Sie sollten jedoch in jedem Fall Ihrem Thin-stinct folgen (Internet Werbung 01.01.16 für SPANX, schlankmachende Unterwäsche) und unerwünschte Rundungen einengen. Umweltbewußte Trashionistas (fashionistas) kommen aber nicht ohne Trashion (trash + fashion) aus (Internet), d.h. Benutztes wird wiederverwertet.

Ganz wichtig ist in der Mode zur Zeit die Hosenlänge. Bei den kürzeren Culottes ist das Flanking (flash + ankle) zu beachten, das Aufblitzen der Wade 20 cm über dem Knöchel! (MYSELF Juli 2015) Wer keine modische Beratung hat, muss eben die Mama fragen. Bei der in Promi-Kreisen bekannten Kardashian Familie vermarktet die Mutter als Momager (Mom + manager) höchst erfolgreich ihre Töchter (STERN 27.12.15). Als Mann hat man es aber doch besser. Wenn Sie sich als Manny (man + nanny) bewerben, können Sie sicher immer in kurzen Hosen gehen. Das American Institute for Foreign Studies (AIFS) kürte dieses neue Wort, weil männliche Nannies bei Kindern als „cooler großer Bruder“ so beliebt sind (Potsdamer Neueste Nachrichten 09.10.15).

In Abwandlung eines alten britischen Music Hall Songs kann man da nur singen: Hurrah, hurrah, hurrah, blends are (orig. misery is) on the way !

Gastbeitrag von Hiltrud Wedde

Bildquellen:
*)  „The best mocktail recipes“ (view gallery) auf Website von Town&Country (Link)
**) „Gypsetting – die neue Art des Reisens?“ auf Website von Travelbook (Link)

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5 Gedanken zu „Ein ‚Mocktail‘ mit Modewörtern

  1. Ein sehr interessanter – und unterhaltsamer – Artikel! Besonders gut gefällt mir das Wort „momager“. Als „working mom with three kids“ habe ich mich viele Jahre als solche gefühlt (auch ohne meine Kinder zu vermarkten…) und bin sicher, auch heute noch fühlen sich viele junge Frauen so. „Momager“ – vielleicht ein Wort der Zukunft?

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  2. Wer an den Lippen der Kardashians dieser Welt hängt und ihnen die Deutungshoheit über seinen Lebensalltag und aktuelle Trends überlässt, wer seine Kinder Kiddies nennt und sich selbst Mom und Dad nennen lässt, der mag sich auch als Momager, Stressdaddy, Manny oder Trashionista oder als Bestager zu alt fühlen. Wer seine eigenen Wahrnehmungen und die Betrachtung seiner Umwelt gegen die Pseudowahrheiten der verkaufsorientierten Photoshop-getunten Lifestyle-Magazine eintauscht, muss eben mit der Sorge leben, ständig „up-to-date“ zu sein, um den Anschluss und Überblick über all die neuen Mode- und Trendwörter nicht zu verlieren. Diese Bezeichnungen sind ebenso schnelllebig wie sie unnötig und wenig hilfreich sind, um damit sein Leben besser zu meistern. Mag sich dafür interessieren, Zeit und Geld aufwenden und sich mit seinen Freunden austauschen, wer will. All diesen sogenannten hippen und coolen und ach so aktuellen und ach so wichtigen Trends schenke ich wenig bis keine Aufmerksamkeit. Sie landen bei mir in der untersten Prioritätenschublade: „Dinge, die die Welt absolut nicht braucht“. Allenfalls lasse ich mich darauf ein, bei einem Restaurant- oder Barbesuch eine vom Kellner oder Bartender empfohlene neue Speisen- bzw. Cocktailkreation zu probieren. Dabei darf es sich dann auch um einen „Mocktail“ in Gestalt einer „Virgin Mary“ handeln. Meine Frau und ich können sehr gut damit leben, von unseren Töchtern in altmodischer Weise Mutti, Mama, Papa oder Paps genannt zu werden. Wir müssen uns dafür nicht noch Managertitel verleihen.

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  3. Ist eine Wortschöpfung wie ‚Momager‘ (Mom + manager) sinnvoll oder unnötig? In gewisser Weise beides, finde ich: Solche Modewörter können pointiert ein Lebensgefühl ansprechen (was natürlich von der Mode- oder Medienbranche kalkuliert ist), dennoch kommen wir mit unserem ganz normalen Wortschatz bestens auch ohne sie aus. Mischwörter (blends) haben aber jenseits dieser Sinnfrage für mich noch einen anderen Reiz: Sie entstehen aus einem spielerischen Umgang mit der Sprache. Und der scheint im Englischen besonders ausgeprägt zu sein, vor allem im Streben nach kürzesten Formulierungen. Vieles davon ist eitel und vergänglich, doch offensichtlich liegt in Wortspielen und Sprachschöpfungen ein reiches Potential für die lebendige Entwicklung einer Sprache.

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    • Ja, kurze und knackige Begriffe, die verschiedene Konzepte, Gefühlswelten, Trends oder Lebensauffassungen miteinander kombinieren und als Wortspielerei zu Gedankenassoziationen einladen, sind gerade en vogue. Sie eignen sich hervorragend für Marketingzwecke (z.B. in Gestalt von Domainnamen oder stylischen Überschriften), da sie diese Konzepte – nomen est omen – auf den Punkt bringen und dem weitverbreiteten Unwillen, lange Texte zu lesen, entgegenkommen. Diese kreativen Sprachschöpfungen sind medienaffin und bloggingkompatibel und deshalb auf Twitter, Facebook, WhatsApp sowie in Lifestyle-Blogs weit verbreitet, Der Gebrauch dieser trendigen Begriffe ist daher zielgruppenadäquat verstärkt in der Konsumentengruppe der Unter-45-Jährigen anzutreffen.

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  4. Hiltrud Weddes Beitrag „Ein Mocktail mit Modewörtern“ wurde auch in mehreren Xing-Gruppen diskutiert, unter verschiedenen Fragen: Was meinen Deutschprofis zu solchen Wortschöpfungen? Wären diese Wortkreationen übersetzbar oder überhaupt übersetzenswert? Fördern Modewörter das Geschäft? Hier ist eine Auswahl von Antworten, mit freundlicher Zustimmung der Beteiligten:

    Christian Schiller – 06.01.2016
    Das Entscheidende bei diesen Neuwortschöpfungen ist ja, dass sie auf Grund ihrer Verwendung in Werbung und deren weite, alltägliche Verbreitung nach und nach in den allgemeinen Wortschatz einsickern. Das halte ich solange für unproblematisch, wie diejenigen, die diese Wörter dann im Alltagssprachgebrauch verwenden, wissen, dass es sich um Modeschöpfungen handelt und sie entsprechend verwenden. Das soll zugleich nicht heißen, dass auf diesem Wege nicht greifbare Wörter für neue Dinge (Moden, Produkte etc.) entstehen können, mit denen man dann auch etwas Sinnhaftes und Bleibendes verbindet.

    Michael Kanthak – 08.01.2016
    Ich fand ja schon „Flughafen“ nicht sehr geglückt… 🙂

    Sabine Manning – 10.01.2016
    Das ist ein hübsches Stichwort! Woraus entstand eigentlich das Wort ‚Flug-hafen‘: aus einer Analogiebildung zu ‚Flug-zeug‘ oder einer Kombination aus ‚Flugzeug‘ + ‚Hafen‘? Letzteres wäre ein Mischwort wie ‚Mocktail‘, das aus ‚mock‘ + ‚cocktail‘ gebildet wurde.
    Und dennoch gäbe es einen stilistischen Unterschied: Wörter wie ‚Flughafen‘ sind eine sachlich erforderliche, nüchterne Bezeichnung, während die Modewörter vom Typ ‚Mocktail‘ auf besondere Effekte ausgerichtet sind. Ihr Reiz besteht in der gefühlten Spannung zwischen den (ursprünglich nicht passfähigen) Wortkomponenten – ganz zu schweigen von Nebeneffekten, die sich aus der neuen Zusammensetzung (z.B. ‚mock‘ + ‚tail‘) ergeben. Und mit dieser ungewöhnlichen Komposition lassen sich Neuheiten, die man sonst beschreiben müsste, wirkungsvoll auf den Punkt bringen.
    Dass Mischwörter (blend words) auch jenseits von Mode und ‚Lifestyle‘ florieren, zeigen die Begriffe ‚Grexit‘ und ‚Brexit‘, die in der europäischen Debatte zu geflügelten Worten geworden sind (vgl. AngliLupe-Beitrag).

    Gohar Zatrjan – 11.01.2016
    Ein amüsanter Artikel! 99% der dort genannten Wortmischungen sind mir bisher nicht begegnet. Diese scheinen größtenteils in Mode- und Lifestylemagazinen ihren Gebrauch zu finden.
    Ich finde solche Wortmischungen interessant, da sie z. B. in der Werbung als Eye-Catcher dienen können. Wenn man eine Wortmischung liest, fragt man sich unwillkürlich, aus welchen beiden Wörtern ist das eine Wort wohl zusammengestellt. Nachdem man es erfahren hat, lächelt man darüber und vergisst es im nächsten Moment wieder. Daher denke ich, dass diese Wörter keinen dauerhaften Eingang in die deutsche Sprache finden werden, wohl eher in der englischen.

    Andreas Rodemann – 11.01.2016
    Da wäre ich mir nicht so sicher. Da die Deutschen ja mit geradezu götzenanbeterischer Verehrung Begriffe aus dem Englischen übernehmen, könnten die sich auch schon hierzulande eingenistet haben. Wir bekommen sie halt nicht mit, weil wir nicht in den entsprechenden Kreisen verkehren.

    Gohar Zatrjan – 11.01.2016
    Des Weiteren finde ich, dass eine Sprache nicht unnötig mit solchen Modewörtern überladen werden muss. Bevor diese kreiert werden, kommen wir im Alltag auch ganz gut ohne sie klar.

    Andreas Rodemann – 11.01.2016
    Nicht alle dieser Wortschöpfungen sind übersetzbar. Manchmal müssen wir auf „political correctness“ achten, manchmal lassen sich die übersetzten Bestandteile auch nicht einfach so verkürzen, dass dabei etwas sinnvolles herauskommt.
    Zur Übersetzungswürdigkeit: Grundsätzlich halte ich jedes Wort für übersetzungswürdig, ja eigentlich sogar für übersetzungspflichtig, aber manche Trends von der anderen Seite des Großen Teichs muss man auch nicht unbedingt mitmachen.

    Alfred M. – 17.01.2016
    Naja, wenn die Wortschöpfungen kreativ sind und von vielen angenommen werden, warum auch nicht? Vielleicht wird ja damit sogar eine Lücke im Wortschatz geschlossen oder man kann diese zumindest als spaßig empfinden.
    Ansonsten werden sich die Wortschöpfungen schnell totlaufen, besonders wenn sie sich in der Werbung als Flopp erweisen.

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